Oszillierende chemische Reaktionen sind von besonderem Interesse für die Wissenschaft. Ihr Verhalten ist u. a. für die Chaosforschung von Bedeutung, denn solche Reaktionssysteme sind immer komplex und weit entfernt vom thermodynamischen Gleichgewicht. Bei der Belousov-Zhabotinsky-Reaktion läßt sich die auftretende Potentialänderung verfolgen. (SF)
Die bisher am besten untersuchte oszillierende Reaktion ist die Belousov-Zhabotinsky-Reaktion
- im Folgenden kurz BZR genannt. Es handelt sich dabei eigentlich um eine
Klasse von Reaktionen, bei denen in jedem Fall eine Dicarbonsäure
durch Bromat in saurer Lösung ox idiert wird, wobei als oszillierender
Katalysator ein Redoxsystem anwesend ist, dessen oxidierte und reduzierte
Form sich nur um eine Oxidationsstufe unterscheiden (vgl. [1]).
Solche Systeme sind z. B. Ce(III)/Ce(IV), Mn(II)/Mn(III) oder Fe(phen)33+
/Fe(phen)32+ (vgl.
[2]). Benannt wurde diese Reaktionsklasse nach den beiden sowjetischen
Wissenschaftlern Boris Belousov, welcher die erste dieser Reaktionen entdeckte,
und Anatol Zhabotinsky, welcher ihre Bedeutung erkannte und zeigte.
Am Beispiel einer einfachen einseitig verlaufenden Reaktionsfolge erklärt
Prof. Dr. R. Reich (vgl. [1]) das Phänomen der Oszillation in chemischen
Reaktionssystemen:
A -> X -> Y -> E
Ohne Autokatalyse stellt sich bei konstanter Konzentration des Ausgangsstoffes
ein stationäres Fließgleichgewicht ein. Katalysiert X seine
eigene Bildungsreaktion, steigt dessen Konzentration immer weiter an. Wird
aber auch die Bildung von Y autokatalytisch beschleunigt wird die Zunahme
von cx gebremst; denn irgendwann ist die
Bildungsgeschwindigkeit von X -> Y höher als die von A -> X.
Dann nimmt cx ab, bis die Konzentration
so niedrig ist, dass cy rückläufig
wird. Dabei verläuft die zeitliche Änderung der Konzentration
des einen Zwischenprodukts proportional zum Abstand der Konzentration des
anderen Zwischenprodukts von ihrem Sollwert. Auf diese Weise oszillieren
die Konzentrationen um ihre Sollwerte.
Die bisher bekannten chemischen Oszillationen verlaufen komplizierter als
durch dieses Modell beschrieben, die Oszillation an sich kann aber so erklärt
werden (vgl. [1]).
Für die BZR sind drei Prozesse ausschlaggebend:
A) Verbrauch von Bromidionen,
B) Bildung von Cer(IV)-Ionen,
C) Bildung von Bromid unter Verbrauch von Cer(IV)-Ionen
Bei diesen Prozessen finden folgende Reaktionen statt:
Prozess A:
Summe (I.-IV.): 2 Br- + BrO3- + 3 CH2(COOH) 2 + 3 H+ --> 3 BrCH(COOH) 2 + 3 H2O
Prozess B:
Summe (III.-V.): BrO3- +
CH2(COOH)2
+ 4 Ce3+ + 5 H+
--> 4 Ce4+ + BrCH(COOH) 2
+ 3 H2O
(Gleichung III geht zweimal in die Bilanz ein.)
Prozess C: Dieser Prozess wurde bisher nicht vollständig erklärt.
postulierte Gesamtreaktion:
2 Ce4+ + 2 BrCH(COOH) 2
+ CH2(COOH) 2 +
3 H2O --> 2 Br- +
2 Ce3 + + 3 HOCH(COOH) 2 +
4 H+
(vgl. hierzu [1])
Die experimentelle Durchführung des Versuchs geschah nach den Anleitungen von F. Kappenberg (s. [3]).
Material: PC, ALL-CHEM-MISST, serielles Kabel, Vollpipette (2ml), Becherglas (400ml), 4 Bechergläser (100 ml), 2 Experimentierkabel, Platinelektrode, Kupferelektrode, Stativ, 2 Muffen, 2 Greifklemmen, Magnetrührer, Rührmagnet
Chemikalien: KBrO3, Malonsäure, KBr, Schwefelsäure (konz), Ferroin-Indikatorlösung, c=1/40 mol/l, dest. Wasser
Zunächst werden vier Lösungen vorbereitet:
A) 6,75 g KBrO3 in 80 ml Wasser
B) 15, 6 g Malonsäure in 100 ml Wasser
C) 1,3 g KBr in 70 ml Wasser
D) 14 ml H2SO4
(konz) in 70 ml Wasser
Die vier Lösungen werden in das Becherglas gegeben und der Magnetrührer
angestellt. Die beiden Elektroden werden so befestigt, dass sie in die
Lösung eintauchen. Nachdem die anfängliche Braunfärbung
verschwunden ist, werden noch 2 ml Ferroin-Lösung zugegeben und die
Messwertaufnahme am Computer gestartet. Es wird eine potentiometrische
Messung durchgeführt (vgl. [3]).
Nach Zugabe des Ferroin-Indikators färbt sich die Lösung rot. Sobald die gemessene Spannung ansteigt, tritt eine rasche Blaufärbung auf, die nach kurzer Zeit wieder verschwindet, so daß die ursprüngliche, rote Farbe zu sehen ist. Die folgende Darstellung zeigt das Ergebnis einer potentiometrischen Verfolgung der Reaktion.
Ausschlaggebend für die Farbe der Lösung und die Höhe der Spannung ist das Ferroin. Dies ist ein intensiv rot gefärbter Komplex aus einem Eisen(II)-Ion und 3 Phenantrolin-Molekülen. In der oxidierten Form ist der Komplex blau gefärbt. Die Bildung der Eisen(III)-Ionen wird durch Bromidionen inhibiert, solange deren Konzentration einen bestimmten Wert übersteigt. Die Bromidionen werden in Prozess A verbraucht (siehe: Reaktionen), folglich überwiegt die autokatalytische Bildung der Eisen(III)-Ionen bei Unterschreitung des kritischen Wertes. Die Bildung von Bromidionen unter Verbrauch von Eisen(III)-Ionen wurde bisher noch nicht vollständig geklärt.
[1] Reich, Roland: Oszillierende chemische Reaktionen. In: MNU, 43.
Jahrgang 1990, Nr. 3, S. 145-152
[2] Field, Richard J.: Schneider, Friedemann W.: Oszillierende chemische
Reaktionen und nichtlineare Dynamik In: Chemie in unserer Zeit, 22. Jahrgang
1988, Nr. 1, S. 17 - 29
[3] Kappenberg, F.: Materialien für den Chemieunterricht - Band II,
Analytik. 1. Auflage 1992
[4] Hrsg.: Falbe, Jürgen; Regitz, Manfred: Römpp Chemie Lexikon.
Thieme, Stuttgart, New York 1995, Seite 1331
Ausgearbeitet im Rahmen der Chemie-AG des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums
Wilhelmshaven von Stefan Freudenberg.
Letzte Änderung: 14.04.1997
Bei Fragen, Anregungen usw. Email an: Stefan Freudenberg Freudenberg@t-online.de
oder an die Email-Adresse der Schule (siehe Homepage).