Referat: Buchvorstellung

Thomas Rosenlöcher: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. (Harzreise)

Liebe Leserinnen und Leser,

bevor Ihr Euch mein Referat zu Gemüte führt, würde ich hierzu gerne ein Vorwort als eine Art Gebrauchsanleitung loswerden. Ich selbst bin kein großer Fan des Deutschen und war nicht sehr begeistert, als es darum ging, für dieses Pilotprojekt - Schulen ans Netz - ein Referat zu schreiben, welches auch noch im Internet veröffentlicht werden sollte. Da Ihr nun diese Zeilen lest, habe ich es geschafft, diese Aufgabe bis zum Ende durchzuhalten, jedoch möchte ich Euch bitten, nicht zu viel zu erwarten.

Die Geschichte des Buches, "Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern" von Thomas Rosenlöcher, beginnt am 1. Juli 1990 in Dresden. An diesem Tag wurde die Deutsche Mark eingeführt und mit ihr verändern sich die Menschen in der DDR. Nun handelt das Buch eben genau von dieser Entwicklung der Ostdeutschen, die Jahrzehnte lang vom SED- Regime unterdrückt wurden und nun die Freiheit und den Kapitalismus wiedererlangen. Der Ich- Erzähler begibt sich auf eine Wanderreise in den Harz, wo er der berühmten Route Goethes folgt. Dabei beschreibt er die Erlebnisse und Erkenntnisse, die er auf seiner Reise erfährt. Während seiner Reise durchläuft er eine Wandlung von einem Ostdeutschen, der sich sträubt, die neuen Errungenschaften des Westens anzuerkennen, zu einem Menschen, der von sich selbst sagt, er habe dies eigentlich schon immer gewollt.

Das Buch ist selbst für mich als Anti - Leseratte leicht und gut zu lesen gewesen und war auch recht kurzweilig. Dies ergab sich aus Rosenlöchers eigenem Stil, der dem Buch sehr viel Würze verleiht. Er wechselt an einigen Stellen von einfachen Beschreibungen über zur Darstellung philosophischer Ansichten und regt somit den Leser zum Nachdenken an, wie auch das ganze Buch nicht mit dem Lesen erledigt ist, man muß sich seine Gedanken machen, denn in diesem Buch sind z.B. mit "Apothekern" nicht unbedingt die Personen gemeint, die bei uns die Medikamente verkaufen. In einigen Situationen grenzte dieses Buch für mich auch schon an ein Rätsel, aber dann muß man tiefer in das Schriftstück eindringen um die Intention zu erfassen. Alles in allem ist dieses Buch sehr zu empfehlen, aber bei genauerer Betrachtung stellt man sehr schnell fest, daß eine Oberflächliche Betrachtung ungenügend ist. Aus diesem Grund möchte ich eine kurze Erläuterung anhängen, die zwar nicht das gesamte Werk beleuchtet, aber exemplarisch die Interpretationsmöglichkeiten und Gedankenansätze beleuchtet.

Grundsätzlich kann man bei diesem Buch von einer Vielschichtigkeit sprechen, bei der die erste Schicht aus dem leicht ersichtlichen Inhalt besteht, wie er oben schon grob genannt wurde. Hierbei ist die Hauptintention, daß die neu gewonnenen Freiheiten nicht selbstverständlich, sondern wie eine neue Erfahrung sind und der Umgang erst erlernt werden muß, klar ersichtlich. Die plötzliche politische Veränderung bedingt auch eine gesellschaftliche Anpassung, die nicht von heute auf morgen stattfinden kann. Die zweite Schicht ergibt sich aus der Betrachtung des Ich-Erzählers, der hier stark in den Vordergrund gestellt wird. Eng damit gekoppelt ist die subjektive Empfindung die einen neuen Horizont der Interpretation eröffnet. So ist es unabdingbar, sich mit dem Grund für diese Reise zu beschäftigen, wobei dieser schon im Titel und im ersten Absatz des Buches erwähnt wird. Das Ziel dieser Reise ist es, neue dichterische Schöpfungskraft zu gewinnen und somit "wenigstens andeutungsweise wieder Gedichte schreiben zu können". In gewissem Maße kann man diese zweite Schicht auch als Bindeglied zur dritten Schicht bezeichnen, die wohl den größten Teil des Buches ausmacht, denn Rosenlöcher schafft hier eine Intertextualität zu Goethes Harzreise und anderen Goethe - Werken (z.B. Faust). So lassen sich viele vorher ungeklärte oder vom Verständnis her fragwürdige Textstellen nun klären. Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern hat viele Parallelen mit der Harzreise von Goethe, welches schon beim Ich als Mittelpunkt beginnt. Goethe war auf der Suche nach dem Ursprung und so geht es auch Thomas Rosenlöcher; in beiden Werken gibt es ebenfalls eine Abschnitt über das schlechte Wetter welches das Unternehmen fast scheitern läßt.

Rosenlöcher sieht in seinem Buch nicht das Individuum, sonder verallgemeinert sehr stark, in dem er die auftretenden Personen nach bestimmten ihm auffallenden Merkmalen oder Attributen benennt. Die "Apotheker mit ihren Chromschiffen" veranlassen ebenfalls zum Nachdenken, da diese wenig beschrieben werden. Hierbei handelt es sich um reiche Leute, die dies auch nach außen hin zeigen, sogenannte Kapitalisten, die auf Kosten anderer reich werden. Auch hier gibt es wieder einen Bezug zu Goethe, der in Kapitel 12 als Urbild eines Großapothekers bezeichnet wird. Dies bezieht sich wahrscheinlich auf den Wohlstand Goethes (Er war z.B. auch Minister für Bergbau).

Obwohl das Ende des Buches scheinbar mit dem Verständnis des Ostdeutschen für die kapitalistischen Westdeutschen endet, so macht der Kauf eines Schuhs der Marke Mephisto doch deutlich, daß es sich hierbei nur um eine Verführung gehandelt hat.

Welche Schichten und Interpretationsebenen es noch gibt in diesem Buch, müßt Ihr schon selber herausfinden. Ich hoffe, Euch hat mein Referat gefallen und ich würde mich auf eine Antwort freuen.

Tobias Völkel

e-mail: gvoelkel@fbf.fh-wilhelmshaven.de

Quelle:

Schöne, Albrecht; Gotteszeichen, Liebeszauber, Satanskult; Neue Einblicke in Goethetexte; München 1982

Goethes Werke; Hamburger Ausgabe; Band I; (Kommentar: Erich Trunz)