Am 8.Mai 1945 war der Krieg beendet und das Deutsche Reich hatte kapituliert. Nun war es den deutschen Autoren wieder möglich, nach langer Diskriminierung und Unterdrückung während der NS-Diktatur, wieder frei zu wirken. Die nach dem Krieg erschienene Literatur machte es sich zur Aufgabe die Erlebnisse des Krieges in Sprache zu fassen.
Zu einem Streitgegenstand wurde das Thema über die Schuld und der Verantwortung des deutschen Volkes. Der Nachkriegsliteratur sind drei Richtungen zuzuordnen: die Literatur der zurückkehrenden Emigranten, die Literatur der Autoren, die die Zeit in der "inneren Emigration" verbracht haben und die Literatur der jungen Generation. Diese wirkten noch bis in die 50er Jahre hinein.
"Heinrich Böll, der zur Gruppe 47 1 gehörte, bekannte sich zur Trümmerliteratur und sah es als eine moralische Pflicht an, über die Kriegs- und Nachkriegsliteratur realistisch zu schreiben".
(nach: Barbara Baumann/ Birgitta Oberle: Deutsche Literatur in
Epochen, S.233, 239 (Zitat). Max Hueber Verlag, Donauwörth,6.
Auflage 1993.)
Heinrich Böll wurde am 21. Dezember 1917 in Köln geboren. Der Vater war Viktor Böll, die Mutter Maria (geb. Hermanns). Von Beruf war der Vater Bildhauer und Tischlermeister, was seiner Familie erlaubte, in Wohlstand zu leben. So besaßen die Bölls mehrere Häuser in Köln, während der Großteil der Bevölkerung Kölns zu der Zeit in ärmeren Verhältnissen leben mußte. Heinrich Bölls Kindheit war also relativ unbeschwert. Als die Inflationszeit anbrach bettelten die Schulkameraden Heinrich oft um ein Stück Brot an, da ihre Väter arbeitslos waren.
Während seiner Kindheit wurde Heinrich Böll sehr durch seine Familie geprägt. Er erlebte diese Solidarität mit der Familie als ein Zusammenhalten, auch mit seinen Geschwistern. Alfred Böll, der Bruder, berichtet in bezug auf die Jahre nach 1930, daß die finanziellen Schwierigkeiten die Familie Böll nicht demütig, sondern im Gegenteil hochmütig werden ließ, nicht anspruchslos, sondern anspruchsvoll. Nach Abenden, in denen die Familie sich mit Gelächter über Kirche, Staat, Institutionen und Personen ausgelassen hatte, wurde folgender Ausspruch von Alois Böll (Bruder von Heinrich) zu einem geflügelten Wort: " Nun wollen wir wieder christlich werden." Diese Ausgelassenheiten der Bölls gewinnen insofern an Gewicht, als daß die Familie streng katholisch war.
Heinrich Bölls Sozialisation nach außen hin, gründet sich zunächst auf "soziale Beobachtungen" in seinem damaligen Wohngebiet Kölns. Er bemerkte damals zwei "Lager" in seinem sozialen Umfeld, das bürgerliche und das sozialistische. Ihm selbst wurde von seinen Eltern nicht verboten, mit den Kindern der Sozialisten zu spielen, während andere reiche Eltern dies ihren Kindern verboten. Die Familie Böll sah er später weder den "Roten" noch den Bürgerlichen zugehörig.
Als Heinrich Böll mit sechs Jahren die katholische Volksschule besuchte, bedeutete das eine Trennung von seinen "roten" Spielgefährten, die in die "freie" Schule gingen. Eine noch schlimmere Trennung bedeutete dann der Besuch des Gymnasiums. Der Biograph K. Schröter (im folgenden K.S.) sieht darin die Ursache für Bölls späteren Wunsch nach Gleichheit und Brüderlichkeit, der auch wesentlich Bölls Lebensweg mitbestimmt habe.
1930 erfolgte der totale Zusammenbruch von Viktor Bölls Firma aufgrund der Weltwirtschaftskrise. Für die Bölls bedeutete dies keine Not, aber nach dem Verkauf ihrer Häuser "ging es bescheidener zu". (H. Böll)
Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, fühlte Heinrich Böll sich am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium recht geborgen, da es streng katholisch und nicht "nazi-verseucht" gewesen sei. 1937 schaffte Böll, nachdem er einmal sitzengeblieben war, den Schulabschluß mit "genügend" in Religion und Deutsch.
Sein Bruder Alfred sagt über Heinrich Böll zu dieser Zeit: "Er schrieb viel, zog sich dazu zurück, mochte nicht gerne gestört werden. Er las auch viel." Seine Lektüre war überwiegend katholisch geprägt, jedoch bestand unter der Naziherrschaft auch kaum Gelegenheit zu anderer Lektüre.
Im Herbst 1938 bis zum Frühjahr 1939 mußte Böll den Reichsarbeitsdienst als Vorbedingung für das Universitätsstudium ableisten. Zum Sommersemester desselben Jahres immatrikulierte sich Böll an der Universität zu Köln und belegte die Fächer Germanistik und klassische Philologie. Doch schon im Juni 1939 wurde er zur Armee eingezogen. Am Ende des Krieges wurde er in ein britisches Gefangenenlager eingewiesen. Aus dem Krieg hatte sich bei Böll die Erfahrung eingeprägt, wie "lächerlich die Männlichkeit" sei und wie hilflos der Mann im Krieg" sei. Diese Erlebnisse haben in seinem Werk fortgewirkt (nach: K.S.). Seine ersten literarischen Arbeiten spiegeln die materiellen Entbehrungen und die Gefahren der Nachkriegszeit wieder. Sein erster Roman "Der Zug war pünktlich"(1947) und die Sammlung "Wanderer; kommst du nach Spa..."(1950) schließen sich jedoch nicht der These vom "Kahlschlag" an, sondern berichten äußerlich nüchtern von Kriegserlebnissen der "kleinen Leute", die sich dem Schicksal und dem Tod fügen mußten und die in diesem Sich-Fügen doch Momente der menschlichen Größe erfahren konnten (nach: Deutsche Literatur in Epochen (s.o.), S.239)
Nach 1945 begann sich Böll in zunehmendem Maße für die damalige politische Situation verantwortlich zu fühlen. In dieser Epoche u.a. der Berlin-Blockade und des Koreakrieges lassen sich Bölls Widersprüche gegenüber dem Staat erkennen. Innerhalb seines Werkes sind diese Widersprüche z.B. an dem dort häufig verwendeten Begriff der "Sinnlosigkeit" deutlich zu machen. Seine nächsten drei Romane "Das Vermächtnis", "Wo warst du, Adam?" (1951) und "Haus ohne Hüter" (1953) sind von diesem Begriff geprägt; Böll geht damit auf die Sinnlosigkeit des Todes im Krieg ein. Später, in der satirischen Erzählung "Der Wegwerfer" (1957), wendet Böll den Begriff "Sinnlosigkeit" auf das Konsumwesen sowie, in satirischer Weise in "Ende einer Dienstfahrt" (1966), auf den militärischen Apparat der Bundesrepublik Deutschland an.
In seinem 1959 erschienenen Roman "Billard um halbzehn" spielt die motivische Gegenüberstellung von "Büffeln und "Lämmern" eine zentrale Rolle. Mit "Büffeln" sind hier Deutschnationale gemeint, die den ohnmächtigen (allegorisch als "Lämmer" bezeichnet) gegenüberstehen. Dieser und der folgende Roman "Ansichten eines Clowns" (1963) wurden vielfach wegen formaler Mängel kritisiert; Bölls frühere Werke seien künstlerisch wertvoller gewesen.
Seit Böll 1951 von der Gruppe 47 für seine Erzählung "Die schwarzen Schafe" ausgezeichnet wurde, erhielt Böll bis in die Mitte der fünfziger Jahre jedes Jahr einen Literaturpreis. Nach "Ansichten eines Clowns" jedoch (Mitte der sechziger Jahre), war ein Nachlassen der Produktivität bemerkbar. Sie setzte erst mit der Niederschrift von "Gruppenbild mit Dame" (1971) mit erneuter Formkraft ein (nach: K.S.). Dieser wohl bedeutendste Roman Heinrich Bölls ist thematisch als Zusammenfassung, formal als eine Weiterentwicklung früherer Werke anzusehen. So wurde das hier auftretende Motiv der Abscheu vor Arbeit bereits in seiner "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" (1963) verwendet. Diese Thematik ist eng verbunden mit der Kritik an der Entwicklung der Bundesrepublik seit 1949. Den Handlungsrahmen bildet eine Liebesgeschichte, die durch die historischen Umstände verkompliziert wird. Die Geschichte wird von einem "Verf." genannten Erzähler berichtet, indem er anhand einer Recherche versucht, den Lebensweg der Hauptfigur Leni nachzuzeichnen.
Am 10. Dezember 1972 wurde Heinrich Böll für diesen Roman der 68. Literatur-Nobelpreis verliehen. Diese Auszeichnung wurde mit Bölls Gestaltungskraft ebensowohl wie mit seinem zeithistorischen Sinn begründet.
Schon vordem hatte Böll sich stark politisch-gesellschaftlich engagiert. Einige Beispiele dafür sind seine Unterstützungen von Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, amnesty international, seine Parteinahme für tschechoslowakische Demokraten, sein Engagement als Präsident des PEN-Clubs2 BRD (1970-72) und als Präsident des Internationalen PEN-Clubs (1971-74), etc. Dank der Prominenz, die Böll aufgrund dieses Engagements und durch die Verleihung des Nobelpreises genoß, konnte er 1972 eine Hetzkampagne der "Bild"-Zeitung heil überstehen. Als die "Bild"-Zeitung im Dezember 1971 die Schlagzeile zu einem Bericht über einen Bankraub in Kaiserslautern brachte: "Baader-Meinhof-Bande mordet weiter", obwohl eine Beteiligung von Ulrike Meinhof, Andreas Baader u.a. nicht erwiesen war, nahm Böll im "Spiegel" gegen diese Art von Rufmord Stellung. Die "Bild"-Zeitung konterte am 11.Januar 1972, indem sie Böll mit Nazi- und SED-Chefideologen verglich. Böll verarbeitete seine Erfahrungen mit dieser Hetzkampagne in seiner Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Unter den vielen Bucherfolgen Heinrich Bölls ist dies wohl die spektakulärste. Viktor Böll sagte:
" Die Zeitungen des Springer-Verlages stellten für die Zeit des Verkaufserfolges der "Katharina Blum" ihre Bestsellerlisten ein".
1973 faßte Heinrich Böll den Entschluß, aus der katholischen Kirche auszutreten. Er begründete seinen Austritt mit der Erhebung der Kirchensteuer, die der "Kirche eine Basis wie einem Großunternehmen" gäbe, aber auch mit der "militanten Rolle, welche die Kirche im Nachkriegsdeutschland gespielt habe.
1979 erschien Bölls umfangreicher Roman "Fürsorgliche Belagerung", in dem er der Frage nachgeht, wie groß die Gefahr der Entstehung eines totalitären Staates in Deutschland ist.
Trotz aller Enttäuschung und Kritik an der BRD hat Böll gesagt: "Die Bundesrepublik Deutschland ist das Land, indem ich leben möchte." Nach einer Leberkrankheit starb Heinrich Böll aufgrund seines starken Rauchens am 16.7.1985 in Langenbroich zu Kreuzzau.
Heinrich Böll war eine wichtige Persönlichkeit der Literatur, was nicht zuletzt durch die Auszeichnung mit dem Nobelpreis bestätigt wurde. Sein Romane und Erzählungen spiegeln wichtige Zeitabschnitte in der Entwicklung der Bundesrepublik wider, so z.B. die von ihm mitgeprägte Trümmerliteratur, die sich mit dem Leben der Menschen unmittelbar nach dem Krieg beschäftigt. Ein weiteres Beispiel dafür aus neuerer Zeit ist seine Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", mit der er versuchte, gegen die unfaire, rufmordende
Berichterstattung der "Bild"-zeitung anzugehen.
Gruppe 47 1:
eine lockere Vereinigung von Schriftstellern und Kritikern, die
1947 auf Initiative von H.W. Richter, A.Andersch, W. Kolbenhoff
u.a. entstanden ist. Sie betonte, ohne als Gruppe ideologisch
festgelegt zu sein, die Verantwortung des Schriftstellers in der
Gesellschaft. Die Gruppe 47 wurde mittels jährlicher Herbsttreffen
ein Kristallationspunkt.
PEN-Club2: PEN= Abkürzung für engl. Poet, Essayists, Novelists (Dichter, Essayisten, Romanschriftsteller).
Der PEN-Club ist eine internationale Schriftstellervereinigung,
die 1921 von der Schriftstellerin C.A. Dowson-Scott gegründet
wurde. Die Vereinigung will eine Art geistiger Völkerbund
von Leuten der "Feder" (engl. pen "Schreibfeder")
sein. Mitglieder werden durch Wahl aufgenommen nach Unterschreiben
der Charta, die sich gegen Völker- und Rassenhaß und
Unterdrückung der freien Meinungsäußerung wendet.
(nach: Vorauslexikon zur Brockhaus-Enzyklopädie,19. Auflage;
Band 2, S.466, Band 4, S.167; Mannheim: Brockhaus, 1986)
Klaus Schröter:Heinrich Böll, Rowohlt-Monographie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1982
Vorauslexikon zur Brockhaus-Enzyklopädie
Barbara Baumann/Birgitta Oberle: Deutsche Literatur in Epochen