| Heinrich Heine als Autor von Zeitgedichten | |
| Gedichtbeispiel "Doktrin" | |
| Interpretation der ironischen Verschlüsselung Heines: | |
| Autobibliographie | |
| Zurück zum Gesamtverzeichnis aller Referate |
Das Jahrzehnt zwischen 1840 und 1850 ist als Blütezeit der
politischen Lyrik Deutschlands anzusehen. Heine betrat mit den
"Zeitgedichten" lyrisches Neuland, da er in den dreißiger
Jahren fast nur Prosa schrieb.
Seine Verse unterschieden sich von denen seiner Zeitgenossen nicht
nur durch den meist sehr hohen ästhetisch-künstlerischen
Rang, sondern auch durch einen Mangel an gefühlsbetonten Formulierungen, durch ihre Tendenz, Illusionen ironisch zu zerstören und durch seine geistreiche Skepsis, die das Bestehende in Frage stellte, ohne missionarisch
für eine Idee zu werben.
Heine engagiert sich in den Zeitgedichten nicht für
bestimmte politische Nahziele, sondern für eine umfassendere
menschheitliche Emanzipation. Ein Mißverständnis wäre
es jedoch, diese nicht im Politischen allein aufgehende Engagement
als ein Sich-Entziehen ins Unpolitische zu werten. Festzuhalten
ist vielmehr, daß für Heine politische Freiheit, um
die es ihm nicht desto weniger geht, eine von dort her abgeleitete
Freiheit ist, d.h. daß das Engagement für die umfassendere
Emanzipation des Menschen notwendig eine politische Rückwirkung
hat, indem es, wie sehr deutlich etwa im Zeitgedicht Erleuchtung,
als Maßstab zur Erkenntnis der Negativität und Veränderungsbedürfnis
der politisch-sozialen Gegenwart fungiert.
Heines Zeitgedichte lassen sich dabei keiner parteipolitischen
Zeitrichtung zuordnen.
Gedichtbeispiel "Doktrin" von H. Heine
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das Gedicht Doktrin enthält bezeichnenderweise kein einzulösendes
sozialreformerisches Programm: Die Anweisung "Und küsse
die Marketenderin" könnte man als bloßen
Aufruf zu gegenwärtigem Genuß wie als ironische Relativierung
des Freiheitskampfes verstehen.
Heines Engagement erscheint schon hier in ironischer Brechung,
und offensichtlich sah Heine den Sinn seiner Zeitgedichte
nicht in einer eindeutigen, lyrisch-versifizierten Übermittlung
politischer Botschaften und Ideen. Reduziert man jedenfalls die
Interpretation auf die Frage nach solchen Inhalten, so geben diese
Gedichte nur wenig her, bleiben nichtssagend. Autorintention und
Leserbezug müssen in einer anderen Richtung gesucht werden.
Es ging Heine also nicht um die inhaltlich-thematische Darstellung
von Freiheit, sondern er sah in der ästhetischen Form von
Dichtung eine Darstellungs- und Vermittlungsmöglichkeit der
erstrebten Freiheit. Die Interpretation ist so darauf verwiesen,
Eigenart und Werk der Zeitgedichte Heines in ihrem Stil und in
der durch die spezifische Formgebung intendierten Wirkung zu suchen.
Die ironische Verschlüsselung, wie Heine sie bevorzugt einsetzt,
setzt sich zudem immer dem Risiko aus, mißverstanden zu
werden oder unverstanden zu bleiben. Je mehr eine mitdenkend-entschlüsselnde
Eigenaktivität des Lesers intendiert ist, desto größer
muß auch der Unbestimmtheitsgrad des Textes und der in ihm
angelegte Interpretationsspielraum sein. Anderseits enthält
und eröffnet aber die ironische Strukturierung des politischen
Gedichts auch Möglichkeiten, die dem eindeutigen, programmatisch-propagandistischen Lied sowie jeder politischen Zweckprosa verschlossen bleiben.
So kann die Ironie einmal eine verbergende Funktion haben, kann
unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen (politische Repression,
Zensur) sowohl Schutz wie Tarnung vor Kontrollorganen bedeuten,
denn die ironische Sprechweise braucht das eigentlich Gemeinte
nicht direkt aufs Papier zu bringen.
Zum anderen ergibt sich aus der Rolle, die dem Leser zufällt,
wenn er durch sein entschlüsselndes Lesen das Gedicht gleichsam
erst "vollendet", ein längeres geschichtliches Überdauern.
Ein Gedicht, das nicht als fertige Antwort, sondern auf Fragestellungen
hin konzipiert ist, kann diese unter Umständen auch über
seinen konkreten geschichtlichen Anlaß hinaus offenhalten.
Daß politische Dichtung von Heine im Unterschied zur damaligen
Tendenzpoesie, die heute weitgehend nur als historisches Dokument
anwendbar ist, läßt sich von daher erklären.
Heinrich Heine als Autor von Zeitgedichten:
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.Interpretation der ironischen Verschlüsselung Heines: