Die Postmoderne

Endgültige Version vom 15. April 1997

Der Begriff "Postmoderne" sowie die Anwendung desselben ist umstritten, da die Postmoderne die Epoche der Moderne abschließen würde, denn neue Wortschöpfungen gehen einher mit neuen Zeiten, einem Umbruch also (dies soll der Begriff schlußendlich ja auch ausdrücken). Man kann aber nicht ganz genau sagen, ob das Auftreten neuer Technologien oder/und besonderer Ereignissen, welche es unzweifelhaft gibt, auch eine "neue Zeit" einzuläuten vermögen bzw. die augenblicklich herrschende Gegenwart mit Prognose auf die Zukunft beschreiben kann. Es steht ebenso die Frage aus, ob es die technologischen Fortschritte sind, die eine neue Epoche einleiten, oder aber ob es nicht auch bzw. nur die gesellschaftlichen Wandlungen sein könnten, durch welche der Begriff "Postmodern" gerechtfertigt wird, so z.B. die Wandlung von den "immer rauchenden Schornsteinen" zu mehr Umweltbewußtsein.

Unstimmigkeiten gibt es auch bei dem Gebrauch des Begriffs. Zuerst galt dieser nur der Literatur, es sollten also Bestrebungen, die über die Moderne hinausgehen bzw. nicht in die Vorstellungen der Moderne passen, beschreibbar werden. Allerdings wurde das Spektrum des Einsatzbereiches bereits kurze Zeit später durch die Kunst, die Architektur, die Soziologie, die Philosophie, die Theologie und im Endeffekt auf jedes andere Themengebiet, welches sich nicht voll und ganz der Moderne zuordnen konnte, erweitert.

Noch eine Indifferenz ist die eigentliche Entstehung der "Post" - Moderne, denn in den USA z.B. bezog sich der Begriff zuerst auf die Fortschritte der 50er Jahre, während in Europa die Postmoderne eigentlich erst ab 1975 beginnen sollte, wobei zu dieser Zeit in den USA bereits die Rede von einem Post-Postmodernismus war.

Der Begriff trat allerdings in Deutschland bereits 1917 auf, denn in diesem Jahr erschien von Rudolf Pannwitz das Buch "Die Krisis der europäischen Kultur", in welchem er Lösungsperspektiven für seine Ansicht, dass alle weiteren kulturellen Bestrebungen in der damaligen Zeit sinnlos wären, bereithält. Hier spricht er, in Bezug auf Nietzsche, der das Bild des neuen, freien, gottähnlichen Menschen charakterisierte, von dem in diesem Sinne gleichen "postmodernen" Menschen, der die "décadence" und den Nihilismus überwinden sollte.

Die zeitliche Eingrenzung wird dann um so schwerer, je mehr Leute darüber nachzudenken begannen. Der Autor Umberto Eco z.B. beschrieb in seiner Nachschrift zum (im Sinne des Autors postmodernen) Roman Der Name der Rose die Befürchtung, dass wohl bald selbst die Überlegungen Homers unter die Postmoderne fallen könnten.

Hier wird also im großen und ganzen ersichtlich, dass man anscheinend keine allgemeingültige Definition dieses Begriffes erfassen kann, da es zu viele Ungereimtheiten in Bezug zu dem Begriff "Postmoderne" gibt.

In einer Sache scheinen sich Kritiker sowie Befürworter bis zu einem gewissen Grade einig zu sein: Die Postmoderne soll kein Gegenstück zu der Moderne darstellen, auch wenn man dieses aus dem Begriff schließen könnte. Vielmehr soll die Postmoderne die in der Moderne gewonnenen Fortschritte weiter für sich nutzen, aus ihnen sollen neue erwachsen; sie schließt die Moderne in sich ein. Denn anders als in der Moderne, in welcher sich eine klare Abgrenzung zu ihren Vorgängern finden sollte, gilt die Postmoderne als pluralistische Epoche, sie wendet sich insofern nur gegen den Despotismus, gegen Totalitäres und Unifiziertes.

Die Erkenntnisse, die sich in der Moderne fanden, wurden allesamt esoterisch erarbeitet, man mußte sich erst aus den Fängen der vergangenen Epochen befreien. Insofern kann die Postmoderne als exoterisch gelten, in ihr können somit alle Formen, da sie ja pluralistisch sein soll, Platz und im Alltag Verwendung finden.

Sehr treffend beschrieb dies der berühmte Philosoph Jean-Francois Lyotard in seinem Buch "Le Postmoderne expliqué aux enfants" (1986): "Die Postmoderne situiert sich weder nach der Moderne noch gegen sie, sondern war in der Moderne schon eingeschlossen, nur verborgen".

Weiterhin sah er im Übergang von der Moderne in die Post (Nach)- Moderne, vom Modernismus in den Postmodernismus, in "La condition postmoderne" >als herausstechendes Charakteristikum der Postmoderne den Zweifel an allen großen Erzählungen<.

Hier spricht er die Abkehr von den Ideologien an, die für sich selber beanspruchen, die Welt und den Einzelnen erklären zu können, so z.B. den als ungeeignet abgetanen Marxismus.

Dieses Ende der Ideologien kennzeichnet das Ende der Geschichte der Ideen und Visionen, die als Anhaltspunkt für die Zukunft galten und das Individuum zu lenken vermochten (so z.B. die des jüngsten Gerichts). Denn durch solche und andere Weltanschauungen wurde der Mensch aus dem Weltbild der Antike heraus in die weiterführende Zeit mit dem Endziel der Einkehr in den Himmel gerissen. Das Individuum war nun nicht mehr im sich regelmäßig wiederholenden Lauf der Zeit geborgen, konnte nicht mehr ganz entspannt im Hier und Jetzt leben, sondern sah sich angesichts der prophezeiten "Goldenen Zukunft", die ihn erwarten würde, in einer mangelhaften Gegenwart verfangen. Das Ende der Ideologien, der utopischen Leitbilder - des Christentums und seiner sozialistischen Ersatzutopien - wirft den Menschen nun zurück in den Mythos, in die auserlesene Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, der des Lebens und dem, was hieraus erwächst.

Mit der Wiederkunft des Mythos und des zyklischen Weltbildes ist auch das Ende des linearen, auf Fortschritt ausgerichteten Geschichtsbildes verbunden. Denn dort, wo alles immer gleich ist, sich in ewiger Wiederkehr zu replizieren beginnt, erübrigt sich auch die Geschichtsschreibung. "Posthistorie" ist aus dieser Perspektive gleichbedeutend mit Postmoderne.

Beispiele für die Überwindung der Ideologien sind, wie bereits oben angesprochen, z.B. das Aufblühen der grün-alternativen, weltlichen und individualistischen Bewegungen.

Hierbei werden ohne Frage wieder kritische Stimmen laut, so etwa die Anschauung von Fredrio Jameson. Denn wer heute bereits davon redet, es gäbe ein neues Exempel, das wieder den Menschen, seine Mythen und Werte in den Mittelpunkt stelle, übersehe, daß er nach wie vor Teilchen einer kapitalistischen Konsumkultur sei, die alle Ideen aus ihrer historischen Integration herausreiße.

Da die Postmoderne sich auch auf die Naturwissenschaften ausdehnte bzw. in ihr Verwendung fand, wird der diesbezügliche Wandel hier ebenso kurz dargestellt.

Galt zuerst allein die Lebensverbesserung und -verlängerung der Menschen als erklärtes Hauptziel der Medizin, ohne dabei Rücksicht auf Werte zu nehmen, so wendet sich die "postmoderne Naturwissenschaft" nun nicht nur der zweckrationalen Abwägung zu, sondern weiterhin auch einer ethischen Infragestellung, welche das "Aus-dem-Boden-schießen" der Tierschutzvereine (die, unbenommen, sehr wichtig sind), belegen kann. Hieran kann man ersehen, dass wiederum das Prinzip des Pluralismus in der Postmoderne Verwendung findet. Man versucht, für beide Seiten eine passable Lösung zu finden, obwohl dies in diesem, wie auch in vielen anderen Fällen, sehr diffizil zu realisieren ist; Meinungsvielfalt ist also gefordert, auch wenn diese als nicht richtig abgetan wird. Denn einerseits wird der Fortschritt in der Naturwissenschaft bzw. den Naturwissenschaften kritisiert (so z.B. in Spielbergs Jurrasic Park), andererseits möchten auch viele nicht auf die Errungenschaften der Naturwissenschaften verzichten, sei es nun das Auto, die Heizung oder der HIV-Test.