-Angaben, die sich auf Borcherts
Wirken am Theater oder seine Werke beziehen, sind im Haupttext
rot gedruckt.
kurze, stichpunktartige Zeittafel
1921 20.5.: Wolfgang Borchert wird in Hamburg geboren
1938 erste Gedichte von ihm werden veröffentlicht, Schulabschluß
1939 Lehre in der Buchhandlung Boysen
1940 Verhör durch die Gestapo wegen unerwünschter Gedichte, Schauspielprüfung
1941 3.3.-6.6.: Schauspieler an der Landesbühne Osthannover, November: Fronteinsatz bei Kalinin
1942 Januar: erstes Auftreten von Gelbsucht, 6 Wochen Haft in Nürnberg, Fronteinsatz
1943 Seuchenlazarett Smolensk, Urlaub, Kaserne Jena
1944 Haft in Berlin, ab September Militär
1945 Rückkehr nach Hamburg, Theater und Kabarett, Krankheit
1946 Erzählungsband "Die Hundeblume", Prosastücke , Gedichtsammlung
1947 Schauspiel "Draußen vor der Tür", Reise nach Basel, Antikriegsmanifest
20.11.:Wolfgang Borchert stirbt in Basel.
Lebenslauf
die Eltern:
Sein Vater Fritz Borchert war
ein zurückhaltender, verschlossener und sensibler Lehrer
an der Volksschule Hamburg-Eppendorf. Am 29.5.1914 heiratete er
die Tochter seines Vorgesetzten, Hertha Salchow. Sie war in ländlicher
Umgebung aufgewachsen und konnte sich an das Großstadtleben
in Hamburg nicht gewöhnen. So begann sie, kleine Gedichte
in Plattdeutsch zu schreiben, die später in Zeitungen und
Zeitschriften veröffentlicht wurden. Später schrieb
sie auch Prosabändchen und bekam Angebote vom Reichssender
Hamburg. So wurde sie zu einer bekannten Heimatschriftstellerin.
Ihr Mann kritisierte und korrigierte ihre Geschichten.
Wolfgang Borchert wurde am 20.5.1921 in Hamburg, Tarpenbekstraße 82, geboren. Er hatte keine Geschwister. Über seine Kindheit ist nur wenig bekannt. Die meisten seiner Spielgefährten fielen durch eigentümliches Verhalten auf. Er verehrte auch seinen Onkel Hans Salchow, der einen kleinen Sprachfehler hatte, im 1. Weltkrieg ein Bein verlor, mit seinem Vermögen spekulierte und später eine Kommunistenkneipe in der Niendorfer Straße kaufte. Ihn nahm Wolfgang Borchert zum Vorbild für den Held in seiner Geschichte "Schischyphusch".
Borchert schloß sich selten Gruppen an, hatte eine Abneigung gegen alles Gewöhnliche und Bürgerliche und legte ein exzentrisches Verhalten an den Tag (z.B. ging er in "unmöglicher" Kleidung ins Theater) .
Aus einem zuerst recht gutem wurde ein
schlechter Schüler, seine Lehrer bezeichneten ihn als "schwatzhaft"
und "nicht ernst genug". Am 1.12.38 verließ er
die Schule (mit einer 4 in Deutsch) und begann eine Lehre als
Buchhändler bei der Firma Heinrich Boysen in Hamburg. Der
von ihm angestrebte Beruf des Schauspielers war den Eltern zu
unsicher. Er nahm jedoch bei Helmuth Gmelin heimlich Schauspiel-
und Stepunterricht, der ihm sehr
viel Spaß machte und gründete literarische Diskussionsrunden.
seine frühen Werke: Gedichte schrieb Wolfgang Borchert seit seinem 15. Lebensjahr, bis zu 10 an einem Tag! Viele der in ihnen geschilderten Einzelheiten entstammen eigener Erfahrung und sind psychologisch hintergründig. Den Schaffensprozeß bezeichnete er als "kurzen Rausch".
Da er eine Vorliebe für das Schwache und Unvollkommene hatte, haßte er Goethe; er nannte ihn einen "gigantischen Spießer".
Er liebte Rilke und übernahm viel von ihm, z.B. seine Alliterationstechnik.
Seine Gedichte trug er den Eltern vor, der Vater kritisierte sie und korrigierte Rechtschreibung und Grammatik. Doch Wolfgang Borchert wollte nicht aus Fehlern lernen. Er hielt sich selbst für ein Genie, hatte jedoch nach Auffassung von Fachleuten fast kein schriftstellerisches Talent.
Im April 1940 wurde die Gestapo wegen eines
obszönen Gedichtes auf ihn aufmerksam.
Nachdem er Ende 1940 sein Schauspielerdiplom
bestanden hat, fand er eine Anstellung bei der Landesbühne
Osthannover und zog nach Lüneburg,
wo er in der Adolf-Hitler-Straße 9 wohnte.
die Zeit beim Militär: Im Mai 1941 bekam er seinen Einberufungsbescheid für die 3. Panzer-Nachrichten-Ersatz-Abteilung 81, Tannenbergkaserne, Weimar-Lützendorf. Er lebte dort fast nur noch in der Erinnerung.
Während eines Wintereinsatzes in Rußland schrieb er u.a. die Erzählungen "Mein bleicher Bruder" und "Der viele viele Schnee".
Im Sommer 1942 wurde er angeklagt, sich
der Wehrpflicht durch Selbstverstümmelung entzogen zu haben,
außerdem wegen heimtückischer Angriffe auf den Staat
(gemeint ist der Inhalt einiger staatsgefährdenden Briefe).
Wegen Letzterem wurde er zu nur 6 Wochen Haft verurteilt (die
Anklage lautete auf Tod durch Erschießen). Seinen Zeit im
Gefängnis ist Thema der Geschichte "Die
Hundeblume", die er jedoch
erst nach dem Krieg schrieb.
Nach weiterem Einsatz an der Front wurde
er 1943 mit Fieberanfällen ins Krankenhaus in Smolensk eingeliefert.
Als es ihm nach einem Aufenthalt im Harz wieder besser ging, bekam
er Urlaub und fuhr zu seinen Eltern nach Hamburg.
1944 wurde er angeklagt, den Reichsminister Dr. Goebbels lächerlich gemacht zu haben und wegen Wehrkraftzersetzung zu 9 Monaten Haft in Berlin verurteilt. Die Eintönigkeit des Gefängnisalltags wird u.a. in der Geschichte "Unser kleiner Mozart" beschrieben.
Zitat: "Von morgens halb fünf bis nachts um halb eins. Die Stadtbahn fuhr alle 3 Minuten. Jedesmal rief eine Frauenstimme durch den Lautsprecher auf den Bahnsteig: Lehrter Straße. Lehrter Straße. Das wehte rüber bis nach uns. [...] Achthundertmal: Lehrter Straße. Lehrter Straße. [...] Liebig sah stundenlang rüber, wo sie sang. Durch sein Gehirn ging ein Rosenkranz. Bei jeder Perle betete Liebig: Lehrter Straße. Lehrter Straße. Von morgens halb fünf bis nachts um halb eins."
Im September 1944 wurde Borchert vorzeitig
entlassen.
nach dem Krieg: Anfang 1945 konnte er trotz erneuter Krankheit nach Hamburg zurückkehren. Dort trat er im Kabarett "Janmaaten im Hafen" auf. Im Winter 1945/46 mußte er erneut ins Krankenhaus. Hier schrieb er am 24.1.46 die oben erwähnte Erzählung "Die Hundeblume". Aus dem Krankenhaus wurde er als unheilbar leberkrank entlassen und wohnte nun wieder bei seinen Eltern in der Karl-Cohn-Straße. Er schrieb Buchkritiken und etwa 29 Geschichten.
Im Januar 1947 schrieb er in nur 8 Tagen
sein einziges Schauspiel "Draußen
vor der Tür". Mit ihm
schaffte Borchert seinen künstlerischen Durchbruch. Es handelt
von einem unerwünschten Heimkehrer nach dem 2. Weltkrieg.
Am 13.2.47 war Rundfunkpremiere.
Als sich seine Krankheit verschlimmerte,
begannen ihn die vielen Besuche von Freunden und Verlegern anzustrengen.
Er schrieb daher seine Krankenalltagsgeschichte "Die
Professoren wissen auch nix".
Um seinen Sohn nicht übermäßig anzustrengen, schrieb
der Vater die Geschichten mit der Schreibmaschine mit, die Wolfgang
Borchert ihm diktierte.
Von Verlegern und Freunden bekam Borchert einen Krankenhausaufenthalt in der Schweiz spendiert. Die Reise verzögerte sich allerdings aufgrund bürokratischer Formalitäten, sodaß er erst am 22.9.47 nach Basel reisen konnte. Da Eltern und Freunde in Deutschland bleiben mußten, fühlte er sich in dem katholischen Clara-Hospital in Basel zunächst sehr allein. Er ärgerte sich auch sehr über die Unfreundlichkeit des Personals. Trotzdem schaffte er es, sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen.
Im Oktober schrieb er sein Antikriegsmanifest "Dann gibt es nur eins!".
Am 20.11.47 um 9 Uhr starb Wolfgang Borchert
in Zimmer 200 des Clara-Spitals. Er ist auf dem Ohlsdorfer Friedhof
in Hamburg beigesetzt.
Quellennachweis: Rühmkopf, Peter: Wolfgang Borchert, rororo Hamburg 1961 und Hirschenauer, Rupert und Weber, Albrecht (Hrsg.): Interpretationen zu Wolfgang Borchert, Oldenbourg Verlag, München 1962